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seit dem 05.11.2005

Hallo,

 

 

auch ich habe im BFW Hamburg meine berufliche Rehabilitation (wegen einer Stimmbanderkrankung) absolviert und wurde dort ebenfalls zur Verwaltungsfachangestellten ausgebildet. Ich bin eine, der 20 "Hörenden" aus diesem Lehrgang und schreibe an dieser Stelle mal meine Erfahrungen/ Sichtweisen im Umgang mit einer "Nichthörenden" auf.

Gegenüber Sindy hatte ich am 30.06.2003 (Beginn der Umschulung) einen wesentlichen Vorteil, durch meinen Reha- Vorbereitungslehrgang der im März 2003 begann, kannte ich schon die Hälfte der Mitrehabilitanden. Sindy dagegen kam also völlig neu und fremd in den Lehrgang und dann noch als Einzige Hörgeschädigte. Ich kann mich noch gut an ihr Gesicht erinnern an diesem Tag! Völlig ungläubig, enttäuscht und ratlos. Unsere damalige Lehrgangsdozentin schien sich Sindy's Port sehr ungern umhängen zu lassen, tat es aber doch und bat einen Mitschüler, sich nach hinten zu setzen, da Sindy in der ersten Reihe sitzen musste, um eben von den Lippen der Dozenten lesen zu können. Natürlich gab es ein Gemurmel und teilweise Unverständnis, da nicht unbedingt jeder am ersten Tag mitbekam, dass Sindy Hörgeschädigt ist.

Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich auch so meine "Vorurteile" und konnte mich zu Anfang für das Port überhaupt nicht begeistern. Denn nach einer Weile wurde es durchgesetzt, dass bei Beantwortung von Fragen, auch jeder einzelne Rehabilitand ihr Port umgehängt bekam, damit Sindy auch unsere Antworten hörte. Ich fand es irgendwie komisch, dachte sie könne jedes einzelne Geräusch damit hören und vor allem auch auf weiter Entfernung. Also praktisch lauschen, was andere sich zu flüsterten. Ist natürlich alles Quatsch, aber zu Anfang war mir das Ding nicht Geheuer. Ich hatte damals sehr wenig Kontakt zu Sindy, allerdings wenn wir uns mal vor der Klassentür trafen (wir mussten morgens oft warten, bis uns der Raum aufgeschlossen wurde) unterhielten wir uns sehr nett und langsam lernte ich Sindy kennen und merkte das ich auf dem völlig falschem Dampfer war. Allerdings vergaß ich immer wieder, dass ich sie ja ansehen musste beim Reden. Ich war als Hörende manchmal einfach so gedankenlos und drehte mich dann beim Sprechen auch mal um!!! Klar das Sindy dann nicht alles mitbekam.

Sindy bekam dann endlich eine Mitschreibekraft (keine dafür ausgebildete Kraft, einfach nur jemand der sehr hohe Tastenanschläge in der Minute machen kann), allerdings setzten sich die beiden dann in die letzte Reihe. Das konnte ich nicht verstehen, weil ich ja wusste, dass Sindy von den Lippen liest, aber ich dachte Sindy müsse ja wissen warum sie dies tut. Erst später erfuhr ich von ihr, dass sich einige Damen aus unserem Lehrgang über die lauten und schnellen Tastenanschläge beschwert hatten, es würde im Unterricht stören. Mich hat es nie gestört, aber es gibt ja immer Leute, die jede Kleinigkeit aufregt. Vielleicht war es aber auch einfach nur Neid, da Sindy nun auch nach dem Unterricht alles nachlesen konnte und wir anderen eben nur noch das im Kopf hatten, was hängen geblieben war.

Als Herr Biemann vom Rehazentrum Rendsburg und Herr Kiesecker, Leiter des Hörgeschädigtenkompetenzzentrum des BfW´s in unseren Lehrgang kamen um mal verständlich zu machen, wie und vor allem was Sindy eigentlich hört, begriff ich so langsam wie schwer es Sindy bis dahin hatte. Herr Biemann erklärte anschaulich welche tiefen und hohen Töne wir als "Normalos" hören konnten und welche Sindy mit ihrem Hörgerät und dem Port hören kann. Das Hörgerät (ein Vorführgerät) wurde durch die Reihen gegeben und man konnte mal einen Eindruck gewinnen, was man mit so einem Ding hört. Ich war sehr neugierig und stöpselte es mir auch gleich ins Ohr. Allerdings riss ich es mir auch gleich wieder heraus, da ich dachte es platze mir mein Trommelfell. Eigentlich hatte ich meine Nachbarin gebeten, mal ganz leise etwas zu sagen, um herauszufinden, was Sindy mit dem Gerät alles zu hören vermag. Aber gerade in dem Moment legte mein Dozent vorne am Tisch sein Schlüsselbund in seine Aktentasche und nur dieses Klimpern, in einer extrem hohen Lautstärke, hörte ich. Oh je, ich war bedient. Nun hatte ich begriffen, dass dieses Gerät nicht alles filtern kann, so dass nur das Wichtigste (z.B. Gesprochene) ankommt, sondern auch jegliches anderes Geräusch (wie z.B. Magenknurren, Kugelschreiberklickern, Stuhlquietschen etc.). Wie schwer muss es da für Sindy Tag für Tag gewesen sein, wirklich alle Worte von den Dozenten mitzubekommen.

Erst Ende des dritten, Anfang des vierten Semesters freundete ich mich immer mehr mit Sindy an, die zwischenzeitlich vollständig ertaubt war.  Da sie seit Sommer 2004 keine Mitschreibekraft mehr neben sich hatte, hat das Tina übernommen, die mindestens 240 Anschläge die Minuten schreiben kann und ihr so das im Unterricht Gesprochene mitschrieb. Auch ich konnte unter Anwendung von Outlook Sindy öfter mal helfen, in dem ich ihr z.B. mal schnell schrieb, welchen Paragraphen wir gerade aufschlagen sollten usw.  Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Dozenten irgendwie in diesen zwei Jahren Rücksicht auf Sindy nahmen, der Stoff wurde knallhart durchgezogen.

Glücklicherweise, war Sindy dann bei der mündlichen Prüfung (praktische Fallanwendung) mit bei mir in der Prüfungsgruppe. Wir konnten also gemeinsam büffeln. Während der Prüfungsvorbereitungswoche, hatte Sindy dann wirklich professionelle Schriftdolmetscher an ihrer Seite. Und ich staunte selbst nicht schlecht, dass wirklich jedes Wort mitgeschrieben wurde. So konnte sie zum ersten Mal wirklich alles in dem Fach mitbekommen. Klasse das es so was gibt!!!

Wie Sindy ja schon schrieb hat sie eine Klasse Prüfung hingelegt, trotz dem enormen Druck und ihrem ständigen Tinnitus. Sindy, so wie ich dir schon in dein Gästebuch schrieb, ziehe ich vor dir symbolisch den Hut.

Durch Sindy wurde mir bewusst, nicht alle Menschen sind gleich, nicht alle sind gesund. Oft sind wir viel zu oberflächlich und kümmern uns nicht um den anderen.

Und weil wir ihre Probleme nicht kennen, entstehen eben auch Vorurteile, durch welche wir hin und wieder im Leben einen lieben Menschen verpassen.

Man sollte einfach über seinen Schatten springen und sich nicht von anderen beeinflussen lassen.

Natürlich vergesse ich auch jetzt manchmal (z.B. beim Grillabend bei ihr), dass ich Sindy anschauen muss, wenn ich mich mit ihr unterhalten will. Oder das ich nicht im Dunkeln sitzen darf, da sie dann meinen Mund nicht sehen kann. Manchmal ist man halt so in Gedanken, aber Sindy hat es mir nie übel genommen und mich einfach angestoßen bzw. darauf angesprochen. Denn Sindy kann trotz das sie ertaubt ist (inzwischen hat sie ihre CI- OP ja schon hinter sich, und ich hoffe sie kann bald wieder hören) noch sehr gut sprechen. Sie hat mir mal erzählt, sie merkt die Vibration ihrer Stimme und danach richtet sie sich und sie hofft, dass sie nicht zu laut spricht oder sogar schreit. Nein, sie spricht in einer normalen Lautstärke und die Wörter sind klar und deutlich, obwohl sie ihre eigene Stimme nicht hören kann. Das ist einfach bewundernswert, wie toll sie das macht.

 

Ich wünsche Dir liebe Sindy auch weiterhin so viel Kraft, Mut, Ausdauer und vor allem Lebensfreude!! Du hast schon so viel in deinem Leben gemeistert und wirst noch viel mehr schaffen!!! Ich jedenfalls glaube an Dich!!!

Deine Katrin

Kati und Ich vorm Unterrichtsraum im BfW
Seite zuletzt geändert am 04.09.2006 20:57
Copyright by Sindy Funke